Ich erinnere mich an viele meiner Vorlesungen ziemlich genau, an zwei aber ganz besonders.
In der einen ging es um die Berufsethik der Public Relations. Unser Dozent schwadronierte ewig über ihre gesellschaftlichen Potentiale und die daraus erwachsenden Verpflichtungen. Aus großer Macht folgt große Verantwortung. Ich wollte ja spontan Spiderman anrufen, aber der hatte kein Netz. Nein, Spaß beiseite, der Äpfel-mit-Birnen-Vergleich erreichte seinen komischen Höhepunkt, als die menschliche Verantwortung und die Entscheidungsrisiken mit denen von Ärzten gleichgesetzt wurden. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde einen gesunden Berufsstolz durchaus angebracht, aber ein bisschen Vermögen zur kritischen Selbstreflexion sollte durchaus erhalten bleiben. Und auch wenn es Definitionssache ist, wie eng man die Parallele zwischen Beruf und Leben steckt und wie eng man unternehmerische Krisen mit dem Tod gleichsetzt, für mich besteht da noch ein fundamentaler Unterschied, der mich die Verantwortung für das physische Leben und das gesundheitliche Wohlergehen des menschlichen Organismus über die Verantwortung für das Wohlergehen des Organismus „Unternehmen“ stellen lässt. Vorbildwirkung verfehlt.
Die zweite Vorlesung, über die ich kurz sprechen möchte, hielt ein in Deutschland sehr bekannter PR-Praktiker und Meinungsforscher. Das Thema war die Blogosphäre in Deutschland und ihr Selbstverständnis. Besagter Dozent war am damals vergangenen Sonntag in einer Talkshow zu Gast und kam der Rolle des eitlen und intellektuellen Egomanen, für die er ja gecastet wurde, sehr überzeugend nach. Noch am selben Abend erhielt er daraufhin von einem Blogger die Quittung. Der zog in seinem Blog unter Pseudonym sehr polemisch über ihn her, griff seine persönlichen Meinungen an und fragte sich auch, aufgrund welcher Kompetenzen dieser eitle Gockel immer wieder in irgendwelche Talkshows eingeladen würde. Mein Dozent stellte daraufhin die Frage in den Raum, was die Anonymität der Blogosphäre einem denn einbringen würde. Macht sie nicht jede Diskussionskultur zunichte, indem nicht mehr mit sondern nur noch über Personen geredet wird? Und das auch noch anonym? Der Blogger, der das Pseudonym Izmir Übül nutzte, hätte meinen Dozenten doch direkt anschreiben und unter Klarnamen beschimpfen können. Was hätte das geändert? Also wurde ein kleines Experiment angeleiert. Die 35 teilnehmenden Studenten bekamen Übüls Mailadresse und sollten ihm alle noch am selben Tag exakt diese Fragen stellen. Man könne ja auf die Antwort des Bloggers gespannt sein und in der nächsten Sitzung darüber diskutieren. Gesagt getan. Ich legte mir eine gefälschte Mailadresse an und schrieb einen kurzen Text mit eben diesen Fragen hinsichtlich der Anonymität der Blogosphäre an Izmir. Die Antwort hatte es in sich. „Gegenfrage: Was geht Sie das überhaupt an? Außerdem rate ich Ihnen, sich mal in die Themen Datenschutz und Nötigung einzulesen. Da könnten Sie noch was lernen. Schöne Grüße!“. Damit war die Suppe für mich eigentlich gelöffelt, aber dann bemerkte ich ein Detail, dass ich einfach nicht übersehen wollte. Die Mail war nicht an mich adressiert. Ich hatte sie offenbar bewusst nur als Blindcopy bekommen. Der offizielle Empfänger war GrafKoks@web.de. Ich schrieb also eine Testmail an diesen Graf Koks. Auch die Antwort war ernüchternd. Meine Mail konnte nicht zugestellt werden, da es die Adresse schlicht nicht gab.
Wer ist also Graf Koks? Wikipedia half. Neben der Bezeichnung für eingebildete Menschen ist Graf Koks vor allem die Hauptperson einer Geschichte von Kurt Tucholsky, zufällig einem der liebsten Autoren meines Dozenten. In der Geschichte geht es um die Überführung einer neugierigen Postbeamtin, die die Angewohnheit hat, fremde Post zu öffnen und zu lesen, die sie explizit nichts angeht. Mein Gott, fühlte ich mich ertappt und benutzt. Ich wollte Izmir Übül, der ja offensichtlich nur eine Erfindung meines Dozenten war, noch mit einem kurzen „Touché Herr … !“ antworten, aber schon wieder erhielt ich die automatisch generierte Antwort, dass die Adresse nicht existiere. Da hatte er sie einfach gelöscht, um die ganze Geschichte im Sande verlaufen zu lassen. Aber ich hatte meine Lektion gelernt, dass die Anonymität der Blogosphäre am besten dadurch demonstriert werden kann, dass Dozenten ihren Studenten äußerst intelligente Streiche spielen. Nichts ist wahr, alles ist erlaubt. Was für eine Vorbildwirkung! Und wer gibt uns so etwas heute noch?
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