Google+ ist öffentlich zugänglich – Status und Entwicklung
Mittlerweile hat sich der Staub etwas gelegt, die erste große Euphorie ist verblasst und man kann einen etwas objektiveren und nicht mehr ganz so arg spekulativen Blick auf Googles soziales Netzwerk Google+ werfen. Ende Juni dieses Jahres sorgte Google+ für eine Menge Aufsehen und wurde sowohl von Experten als auch von begeisterten Early Adoptern als erster echter Konkurrenzentwurf zum sozialen Giganten Facebook bewertet. Dementsprechend begehrt waren die limitierten Invites und entsprechend groß fiel das Feedback zu Google+ aus, auch auf Facebook. Auf dem deutschen Markt wurde die Aufmerksamkeit für Googles soziales Netzwerk noch durch den Umstand verstärkt, dass die Nutzer die letzte verbliebene Facebook-Konkurrenz verließen, wie die Ratten das sinkende Schiff – die VZ-Netzwerke. Weiterhin florierende Plattformen wie LinkedIn und XING werden in diesem Vergleich natürlich nicht berücksichtigt, da diese ausschließlich der Verknüpfung von Geschäftskontakten dienen und sich eben nicht der Vision verschreiben, sämtliche sozialen Vorgänge miteinander online zu teilen.
Seit dem 20. September ist Google+ nun öffentlich zugänglich und jeder, der daran interessiert ist, kann sich in das Geflecht aus individuell organisierbaren Circles werfen und mit Freunden und Bekannten per Webcam einen Hangout veranstalten. Wie ist also der momentane Status von Google+ zu bewerten und noch wichtiger: Kann Google+ als nun öffentliche Beta dem anfänglichen Hype gerecht werden?
Zuerst ein Fun-Fact. Nach dem Launch des Netzwerkes hatte Facebook-Chef Mark Zuckerberg, auch bei Google+ angemeldet, dort auf Anhieb mehr Fans als Google-Boss Larry Page. Die Präsenz des Facebook-Gründers aber ist für Google+ ein allgegenwärtiger Reminder, in welche Richtung man mit dem eigenen Netzwerk steuern möchte. Während Facebook die Privatsphäre für ein „überholtes Konzept der 90er-Jahre hält“ und von Hause aus darauf programmiert ist, dass Informationen bei möglichst vielen Nutzern landen, strebt Google+ mit den Circles eine bessere Organisation des Informationsflusses an. Wichtige Dinge sollen auf einfache Art und Weise auch nur mit Menschen geteilt werden können, die dem Nutzer wichtig genug sind. Die entsprechenden Gruppenfunktionen sind transparenter und intuitiver gestaltet als bei der Konkurrenz. Die Facebook Developers Conference 2011 hat jedoch wieder klar gemacht, warum die komplizierten Privatsphäre-Einstellungen bei Facebook immer wieder bemängelt werden. Mark Zuckerberg findet es einfach großartig, alles mit jedem zu teilen und hat daher auch kein so ausgeprägtes Verständnis für die Datenschutz-Problematik vieler User.
In dieser Kerbe schlägt der Fakt, dass die öffentlichen Posts bei Google+ im Zeitraum vom 19. August bis zum 19. September um satte 41 Prozent gegenüber dem Vormonat abgenommen haben. Klingt anfänglich beunruhigend und durchaus so, als würde sich die abklingende Euphorie quantifizierbar machen lassen, andere Gründe liegen jedoch näher. Zum einen wird die zugrunde liegende Statistik möglicherweise dadurch verfälscht, dass die Nutzer im ersten Erhebungsmonat hauptsächlich aus hochmotivierten und äußerst aktiven Early Adoptern bestanden, im zweiten Monat durch die vielen zusätzlichen Invites jedoch mehr und mehr Gesellschaft von Usern bekamen, die sich „nur mal umschauen“ wollten und keine annähernd so starke Aktivität aufwiesen, wie die Nutzer des ersten Monats. Eine zweite mögliche Erklärung ist in der höheren Ausdifferenzierung der Circles zu sehen, durch die viele Posts einfach nicht mehr öffentlich geteilt werden, sondern beispielsweise durch persönliche Nachrichten innerhalb der Circles verbreitet werden. Andererseits ist es leider schwierig, verlässliche Aussagen in diese Richtung zu tätigen, vor allem auch dann, wenn es um den größeren Zusammenhang zur Gesamtnutzerzahl geht. Die letzte offizielle Zahl stammt noch aus der geschlossenen Phase im August, beläuft sich auf 25 Millionen Mitglieder, dürfte mittlerweile aber bei weitem übertroffen sein.
Die wichtigste Entwicklung im noch recht jungen Bestehen von Google+ war natürlich die Freischaltung zur öffentlichen Betaphase am 20. September, in der es keine Invites mehr braucht, um bei Google+ mitzumischen. Entsprechen groß fiel für einige Tage auch der Wink mit dem blauen Zaunpfeil auf der Google-Startseite aus. Rechtzeitig zu diesem wichtigen Schritt implementierte Google dann auch eine hochperformante Suchfunktion, wertete sämtliche Mobile Apps mit zusätzlichen Funktionen auf, baute seine Spiele-Sektion aus und verbesserte die Hangouts. Die wichtigste und für den Vergleich zur Konkurrenz interessanteste Änderung betrifft jedoch die Entwicklung der Nutzerzahlen. Paul Allen schätzt die Nutzerzahlen mit einer auf der Auszählung von 400 gängigen Nachnamen basierenden Methode und lag damit schon bei der ersten Erhebung der Nutzer sehr richtig. Das Ergebnis der neusten Schätzung, seit Google+ öffentlich zugänglich ist: Die Wachstumsrate entspricht jener zum Start des Netzwerks. Damit beläuft sich die Schätzung für Ende September auf 43,4 Millionen User und das ist beeindruckend. Bestehen bleibt die Frage, wie lange dieser Trend anhält und wann mit den nächsten offiziellen Zahlen zu rechnen ist.
In einem früheren Blog-Post haben wir bereits einige Gedanken über die zukünftigen Potentiale und Schwierigkeiten des Google-Netzwerkes formuliert. Damals hieß es noch, Google+ könne nie die Dominanz eines Konkurrenten wie Facebook erreichen, da jeder schon bei Facebook sei und somit auch gefunden werden kann. Neugier befriedigt. Der Google+-Ansatz ist jedoch ein anderer. Ein ergebisnorientierter. Mann will keine ehemaligen Bekannten wiederfinden oder Kommilitonen stalken. Man möchte sich mit den wenigen Leuten, die einem wirklich wichtig sind, effizient vernetzen. Einen effizienten Zugang zu den Nachrichten und Dingen finden, die einen wirklich interessieren. Google+ arbeitet somit im besten Sinne präferenzbasiert und diese Tatsache wird es nach abgeschlossener Beta-Phase äußerst lukrativ für Googles Werbeangebote machen. Und das war vermutlich von Anfang an ein großer Teil des Plans. Google+ wird nach unserer momentanen Einschätzung nie die Neugier über andere Menschen so befriedigen können, wie Facebook das vermag und daher auch nie die Nutzerzahlen erreichen, die Facebook hat. Das muss es aber auch gar nicht, um ähnlich mächtig zu werden. Inhaltlich mächtig. Qualitativ wichtig. Werbetechnisch und monetär wichtig.






Letzte Kommentare