Google Plus – Warum gerade jetzt?
Das Internet ist bekannt dafür, einen unglaublichen Hype für bestimmte Neuheiten auslösen zu können. Bei diesen Neuheiten kann es sich um Autos, Lampen, iPhone-gesteuerte Flugdrohnen, Neon-Klingelschilder oder sogar Duschgel handeln, wie Old Spice eindrucksvoll bewiesen hat. Was gut gemacht ist und gefällt, egal aus welcher „Offline-Branche“ es stammt, kann durch das Netz zu ungeahnten oder aber auch wohlkalkulierten Höhenflügen gelangen. Noch euphorischer aufgenommen werden meist Neuheiten, die der Fachmann als endogen oder systemintern bezeichnen könnte. Online-Neuheiten. Warum das so ist, ist schnell erklärt.
Zum einen liegt es an der Selbstreferentialität des Verbreitungsmediums. Jede Plattform berichtet gern über sich selbst, daher ist es logisch, dass das Internet betreffende Nachrichten im Internet auch stärker kommuniziert werden. Der Start eines neuen Fernsehsenders würde im Fernsehen auch überdurchschnittlich stark kommuniziert werden. Zum zweiten, und der Punkt ist wesentlich wichtiger, liegt die Euphorie in der Möglichkeit bedingt, sich die Neuheiten, über die gerade berichtet wird, sofort selbst anzuschauen. Die Old-Spice-Spots waren großartig, aber trotzdem musste man erst mal in die nächste Drogerie rennen und Geld ausgeben, um einen Eindruck des Produkts zu bekommen. Damals bei facebook und jetzt bei Goolge Plus ist das anders. Alles nur ein bisschen Tastengeklimper und Mausgeklicke entfernt bzw. eben naheliegend. Und warum Google Plus gerade jetzt? Wo liegt der Mehrwert?
Anfangs ist da natürlich festzustellen, dass facebook seine Dominanz seit der Gründung 2004 stetig ausgebaut hat und heute mit über 750 Millionen Mitgliedern als unangefochtener König der sozialen Netzwerke dasteht, dessen Vormachtstellung auch zu keinem Zeitpunkt stagnierte, sondern stetig wuchs. Und um jetzt mal bei Andrew Keen zu bleiben („Daten sind das neue Öl!“), muss man facebook also attestieren, anhand der Mitgliederzahl und der damit vorhandenen und für Werbezwecke verwertbaren Daten neben dem Suchmaschinengiganten Google eine der wichtigsten Online-Mächte überhaupt zu sein. Laut spiegel-onlines Blick auf das Thema verbringen die User pro Minute auf facebook 8 Minuten auf anderen Websites. Die Dreiviertelstunde surfen besteht demnach aus 5 Minuten facebook und 40 Minuten anderweitigem Content. Das klingt noch ziemlich ausgewogen und im Rahmen, ist es für Google aber nicht. Denn jede Minute, die der User bei facebook unterwegs ist, spielt der Werbemaschinerie der Konkurrenz in die Karten. Viel lieber möchte man die Leute aber mit AdSense und Co. befeuern. Die einzig ergreifbare Gegenmaßnahme ist demnach, ein Konkurrenzprodukt zu facebook auf den Markt zu bringen, in das die Google-Werbealgorithmen implementiert werden können.
Der Nutzer soll natürlich von diesen internen Zahlenspielereien, Werbe- und Datenschlachten vordergründig möglichst wenig mitbekommen. Die Legitimation wird also in der Angebotsvielfalt gesucht und gefunden. Denn es ist bei facebook und Google wie bei dem Konkurrenzkampf aller guten Firmen. Am Ende profitiert der Verbraucher davon, denn seine Gunst ist das größte Erfolgskriterium. Und seien wir ehrlich: Wir finden jeden nur halbwegs konkurrenzfähigen Gegenentwurf zu facebook mehr als spannend. Vor allem seit der Niedergang der VZ-Netzwerke die Macht von facebook eindrucksvoll zu bestätigen scheint. Das Schaffen von Alternativen ist für Google natürlich auch für die eigene Vormachtstellung von größter Wichtigkeit, ist man doch im Bereich soziale Netzwerke bislang erstaunlich unterrepräsentiert gewesen. Zumindest verglichen mit den Anteilen an anderen Online-Bereichen. Sei es der Kauf von YouTube, die Etablierung von Google Mail oder eben die kaum verzichtbare Werbedienstleistung AdSense: Google ist durch die geschickte Expansion seiner Angebote rund um die ursprüngliche Suchmaschine zum mächtigsten Konzern der New Economy aufgestiegen und will diese Position ungern teilen. Der Launch eines konkurrenzfähigen sozialen Netzwerkes soll nun also auch an der Schnittstelle der Interaktivität das Kräfteverhältnis wieder klar in Richtung des Giganten aus Mountain View verschieben.
Und zumindest der Launch muss als gelungen bezeichnet werden. Google Plus war sofort nach dem Start in aller Munde und die Invites heißbegehrt. Die Benutzer, die sich die ersten Profile erstellten, Circles kreierten und mit anderen Early Adoptern einen Hangout veranstalteten, waren begeistert von der stilvollen Schlichtheit bei gleich hoher Funktionsvielfalt. Vor allem der Video-Hangout mit mehreren Freunden ist eine wirklich innovative Neuerung und weiß, zu begeistern. Logisch, bei Sykpe gibt es diese Möglichkeit schon lange. Aber erstens nur gegen Bezahlung und zweitens nicht in dem ungezwungenen Umfeld eines sozialen Netzwerkes. Das subjektive Gemeinschaftsgefühl ist dort wesentlich größer als bei Skype, das weit eher als ergebnisorientierte Kommunikationsplattform dient. Daher ist der Name „Hangout“ für die Funktion auch sehr gut gewählt und seine Wichtigkeit für den zukünftigen Erfolg von Google Plus nicht zu unterschätzen. Ein Freund dazu auf facebook: „Also Leute Google+ ist der neue heiße Scheiss. Meldet euch an und kommt ins Licht.
“. Google hat das Überraschungsmoment also perfekt genutzt, maximale Aufmerksamkeit erreicht und das Produkt scheint dem Hype tatsächlich gerecht zu werden. Wie sich die Nutzerzahlen und damit das Werbegeschäft der beiden Giganten auf lange Sicht jedoch entwickeln, wird man sehen.
Denn ein wichtiger Fakt ist nicht zu leugnen. Viele Leute sind auf facebook, weil jeder auf facebook ist. Anhand der 750 Millionen Mitglieder ist diese These in all ihrer Polemik sogar ziemlich haltbar. Google Plus ist momentan vor allem eine schöne Alternative und Spielerei für alle Early Adopters und Technik-Nerds. Man kann es aber kaum nutzen, um Klassenkameraden wiederzufinden und sich über ihr Leben zu informieren. facebook ist für nach wie vor die ultimative Plattform für die Pflege sozialer Kontakte. Und zwar aller sozialen Kontakte. Diese Fähigkeit wird Google Plus auch auf lange Sicht vermutlich nur sehr schwer erreichen und das ist ein Nachteil, der nicht zu vernachlässigen ist und es Google Plus meiner Meinung nach sehr schwer machen wird, facebook wirklich beizukommen. Eine mutige und schöne Idee ist es aber allemal.






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