Kann ja mal vorkommen…

Ist Ihnen mal aufgefallen, wie viel Werbung für alkoholfreies Bier es in letzter Zeit gibt? Nicht, dass das etwas Schlechtes wäre, interessant finde ich es aus einem ganz bestimmten Blickwinkel.

Die Gesundheitsindustrie, gar nicht unbedingt die Pharmazie sondern wirklich jene Unternehmen, die ihr Geld mit der Ausgewogenheit des menschlichen Organismus verdienen, fahren bereits seit einigen Jahren massive Werbeetats auf, um sich zu vermarkten. Und das ist gut, schließlich macht es doch Sinn, den Körper mit Sauna, Fitnessstudio, ausgewogener Ernährung etc. zu verwöhnen, Wellness-Reisen zu unternehmen, mit Becel auf das Colesterin zu achten oder die ein oder andere Diät auszuprobieren, die wirklich etwas bringt und so gut wie keinen Jojo-Effekt hat. Zigarettenwerbung ist in Deutschland bereits seit 1974 in Fernsehen und Radio verboten, auch in Zeitschriften, Zeitungen und Kinos hat sie es schwer.

Und jetzt weitet sich die Gesundheitsoffensive auf einer der letzten Bastionen der vorwiegend männlich-ungesunden Entspannung aus: das FeierabendundsonstauchohneklarenGrundBier. Da, wo ein Glas Wein pro Tag das Herzinfarktrisiko empirisch belegbar senken soll, macht Bier nur dick und führt zu schleichender Abhängigkeit. Aber gleich auf den Trunk mit der großen Historie und unumstößlichen Bedeutsamkeit seit 1516 verzichten? Das wäre ja zu viel des Guten. Ergo führt nun seit einiger Zeit fast jede kommerziell erfolgreiche deutsche Brauerei auch einen alkoholfreien Ableger im Angebot. Wobei mich persönlich das Pils da gar nicht so stark interessiert. Ich halte es eher mit Heinz Strunk und abstrahiere: Weizen ist mein Pils. Wie ist die zunehmende Bedeutung, vor allem in der Werbung, aber zu erklären?

Zunächst mal ist alkoholfreies Bier wirklich gesünder als alkoholhaltiges. Die Puristen mögen jetzt aufschreien und auch mir schmecken die alkoholfreien Ableger nicht wirklich, aber die Fakten stehen trotzdem klar auf der Habenseite. Bier enthält viele wichtige Spurenelemente und Mineralien, außerdem wirkt es isotonisch. Stop. Das hört und liest man ja ständig. Doch was bedeutet es überhaupt? Ursprünglich beschreibt Isotonie den osmotischen Druck. Ein isotonisches Medium hat schlicht den gleichen osmotischen Druck wie ein Vergleichsmedium, sodass auch kein Wasser in Richtung des höheren Salzgehalts diffundieren muss. Isotonische Getränke haben nun also den gleichen osmotischen Druck wie das menschliche Blut und außerdem die gleiche Mineralienkonzentration, sodass sie gerade nach sportlichen Leistungen eine optimale Versorgung des Körpers garantieren. Alkohol ist dagegen ein Nervengift, dessen Abbau für den Körper ein Vollzeitjob ist, ergo würde Alkohol die isotonische Wirkung eines Getränks wieder zunichte machen. Die Kalorienfrage ist für die Gesundheit auch nicht zu vernachlässigen. Jedes Gramm Alkohol liefert ca. 7 kcal, wodurch der halbe Liter Bier mit ca. 250 kcal zu Buche schlägt. Davon macht der Alkohol ganze 175 kcal aus.

Als in den Medien dann vor einiger Zeit der übermäßige Alkoholkonsum Jugendlicher vor allem durch das „Komasaufen“ thematisiert wurde, stand die Genussmittelindustrie in der Reaktionspflicht. Alkoholmissbrauch unterliegt selbstverständlich der individuellen Verantwortung, aber es war einfach den schwarzen Peter den Herstellern zuzuschieben und zu unterstellen, sie würden ihre Aufklärungspflicht vernachlässigen. Die reagierten teilweise vorbildlich und starteten Kampagnen zu verantwortungsvollem Alkoholgenuss, die aber auf der anderen Seite auch eher peinliche Clips verschiedener Gesundheitsorganisationen hervorbrachten. Nun wird das Verantwortungsbewusstsein also werbewirksam mit dem Aufsprung auf die generelle Gesundheitsschiene gekoppelt und es schießen nicht nur an allen Ecken und Enden alkoholfreie Produkte aus den Kesseln der etablierten Brauereien, sondern auch in der Fernsehwerbung wird diesen der klare Fokus gegeben.

Wirklich gut an dieser Stelle ist Clausthaler. Nicht nur die Werbung der Binding-Marke verleitet zum Schmunzeln, sondern auch der Online-Auftritt und die ganze Ausrichtung ist auf alkoholfrei gepolt und trifft damit voll den Zeitgeist. Sehr clever auch das Motto an dieser Stelle: Das Bier unter den Alkoholfreien. Dieser Satz impliziert nicht nur eine clevere Positionierung, sondern lässt auch die Tendenzen der gesamten Branche erkennen. Jever stellt sich ähnlich clever an und nennt sein Alkoholfreies schlicht „Fun“. Ein schöner Kontrast in einer Gesellschaft, in der man doch sonst auch ohne Spaß Alkohol haben kann. Die bayerischen Weißbierbrauereien spielen dagegen die Isotonie-Karte, was sich am besten am Erdinger Internetauftritt erkennen lässt. Das Bier wird wie ein Fitness-Drink für Sportereignisse angepriesen.

Interessante Tendenzen in der Vermarktung also. Man darf gespannt sein, wie lang die Werbewelle zum Thema alkoholfrei noch anhält, wie stark die Etablierung danach ist und was sich die Brauereien anschließend einfallen lassen, um ihr Getränk weiterhin mit einem Lifestyle-Aspekt zu versehen. Genau das ist nämlich auch ein wichtiger Punkt im momentanen Standing. Ich kann zumindest von mir sprechen und beobachte, dass alkoholfreies Weißbier auch immer mehr zu Lifestyle-Zwecken getrunken wird, vergleichbar mit Aperol Spritz und Ähnlichem. Abschließend halte ich es jetzt mit der Paulaner-Werbung und hab dann jetzt mal alkoholfrei. Prost!

Kategorie: Advertiser, News

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