Die Blogosphäre und der professionelle Journalismus – Teil 3

Im dritten und letzten Teil unserer kleinen Serie über das das Verhältnis zwischen der Blogosphäre und dem professionellen Journalismus stehen diese Woche die Durchführung und Auswertung der Untersuchung, die daraus resultierenden Ergebnisse und zumindest der Versuch eines Fazits über die journalistische Professionalität der Blogger und ihrer Plattformen.

Wir hatten uns im zweiten Teil darauf verständigt, aufgrund der besseren Vergleichbarkeit jene deutschen Blogs als Untersuchungsmaterial zu betrachten, die Software, IT, digitale, Technik, soziale Netzwerke und Gadgets als Hauptinhalt thematisieren und in Jens Schröders deutschen Blogcharts vom 31. März 2011 die zehn vordersten Plätze belegen. Hier also auch noch einmal der kurze Hinweis. Die Untersuchung wurde bereits vor einiger Zeit durchgeführt, daher sind die Daten zwar nicht topaktuell, dafür die Tendenzen. Zur Auffrischung hier noch einmal die untersuchten Blogs:

1. Basic Thinking Blog (Platz 6 der Top 100)
2. engadget German (Platz 8 der Top 100)
3. netbooknews.de (Platz 10 der Top 100)
4. Gizmodo (Platz 13 der Top 100)
5. macnews.de (Platz 14 der Top 100)
6. GoogleWatchBlog (Platz 16 der Top 100)
7. mobiFlip.de (Platz 22 der Top 100)
8. ifun/iPhone (Platz 28 der Top 100)
9. Loadblog (Platz 53 der Top 100)
10. Macerkopf (Platz 69 der Top 100)

(vgl. Schröder 2011)

Anhand dieser Blogs wurde die Untersuchung nach den Variablen, wie im ersten Teil der Serie operationalisiert, durchgeführt. Insgesamt wurden dabei 20 Artikel, zwei für jeden Blog, auf die Erfüllung bzw. Nichterfüllung von je acht Variablen bezüglich der inhaltlichen Qualität der Artikel geprüft. Nachdem die Auswahl der zu untersuchenden Blogs zuvor dezidiert begründet wurde, ist natürlich auch die Auswahl der entsprechenden Artikel von größter Wichtigkeit. Es wurden also jene Artikel zur Untersuchung ausgewählt, die am 17. Mai um 09:30 Uhr die beiden neuesten Veröffentlichungen darstellten und bei denen es sich nicht um kenntlich gemachte „Sponsored Posts“, also bezahlte, Werbe- oder PR-Veröffentlichungen, handelte. Diese Methode wurde angewendet, da zu diesem Tag und dieser Tageszeit jede Art von Artikel die gleiche Chance hatte, die neueste Veröffentlichung darzustellen und somit jedes Element aus der Grundgesamtheit der Artikel Eingang in die Stichprobe finden konnte. Die Grundlage der ersten Untersuchung bilden nun die Kriterien von Weischenberg, Kleinsteuber und Pörksen (nachzulesen in Teil 1).

Den Variablen wurden dabei entsprechende Wertigkeiten zugeordnet. So werden für die Erfüllung der vier Kriterien Aktualität, Relevanz, Objektivität und Komplexitäts-Reduktion je zwei Punkte vergeben, für die Erfüllung der vier Kriterien Trennung von Nachricht und Meinung (ergibt sich aus dem Punkt Objektivität und wird aufgrund der Wichtigkeit hier separat betrachtet), Originalität/Exklusivität, Interaktivität und Transparenz nur je ein Punkt. Dieses Wertungssystem soll eine genauere Erfassung der journalistischen Professionalität nach „traditionellen“ Maßstäben gewährleisten. Die Erfüllung der 2-Punkte-Kriterien war für die herkömmliche Presse schon immer von höchster Bedeutung, um ein qualitatives Produkt hervorzubringen. Die Kriterien Interaktivität und Transparenz bringen nur je einen Punkt ein, da sie vor allem mit dem Aufkommen der neuen Medien wichtiger geworden sind (vgl. Weischenberg / Kleinsteuber / Pörksen 2005: 374) und damit einen eher untergeordneten Maßstab für Professionalität im Sinne des klassischen Journalismus, wie sie hier erfasst werden soll, darstellen. Originalität/Exklusivität wird eher als ein Merkmal für journalistische Exzellenz verstanden, das über die einfache Nachricht und Informierung der Publika hinausgeht, aber nicht zwingend in jedem journalistischen Erzeugnis vorhanden sein muss, um eine grundsätzliche Professionalität zu garantieren. Daher erhält auch diese Variable nur einen Punkt. Die Trennung von Nachricht und Meinung schlussendlich war selbst für den Laien schon immer ein Indikator für guten Journalismus (vgl. Pöttker 2008). Aber auch im traditionellen Print-Journalismus hat längst eine gesunde Verwischung stattgefunden, die den Journalisten durch maßvolle und angebrachte Kommentare auch die möglichen Auswirkungen einer Nachricht aufzeigen und somit einen noch größeren Mehrwert für die Publika schaffen lassen. Da das Selbstverständnis der Blogosphäre außerdem oft gerade auf die Vermischung von Information und Kommentar abzielt, wird für die Trennung je nur ein Punkt vergeben.

Aus vier mal zwei und vier mal vier Punkten ergibt sich eine zu erzielende Höchstpunktzahl von 12. Um als journalistisch professionell zu gelten muss ein Wert von 9 erzielt werden. Um diesen Wert zu erreichen, müssen also mindestens drei der vier 2-Punkte-Kriterien zutreffen. Aus den Punktzahlen beider Artikel, die für einen Blog untersucht werden, wird der Durchschnitt gebildet. Demnach gilt:

[ ( Artikel A + Artikel B ) ÷ 2 ] ≥ 9 = Journalistische Professionalität

Hier die Auswertung für die 2-Punkte-Kriterien.

17 der 20 Artikel erfüllen mindestens drei der vier 2-Punkte-Kriterien. Da in der zweiten Wertung noch einmal maximal vier Punkte zu vergeben sind und im Endeffekt der Durchschnitt beider Artikel über die journalistische Professionalität eines Blogs entscheidet, lässt sich momentan noch für jeden Blog die formale Professionalität erreichen. Doch betrachten wir die tabellarische Auswertung für die 1-Punkt-Kriterien.

Viele (8 von 20) der untersuchten Artikel haben im Endeffekt nicht ausreichend punkten können, um die Anforderungen für journalistische Professionalität zu erfüllen. Wie zuvor schon begründet, gilt das Ergebnis nicht nur für die untersuchten Artikel, sondern wird entsprechend auf die gesamten Blogs verallgemeinert. In der nächsten tabellarischen Darstellung folgt daher die dezidierte Endauswertung.

Nach den Kriterien, die Weischenberg, Kleinsteuber und Pörksen (vgl. 2005: 374) für die Qualität journalistischer Erzeugnisse ansetzen, können die Blogs Basic Thinking Blog, netbooknews.de, macnews.de, mobiFlip.de und Loadblog als solche Erzeugnisse produzierend und damit als professionell journalistisch arbeitend bezeichnet werden. Bei engadget German, Gizmodo, GoogleWatchBlog, ifun/iPhone und Macerkopf reicht der Wert hingegen nicht aus. Exakt die Hälfte der untersuchten Blogs arbeitet somit professionell. Jene, die es nicht tun, sind vor allem Gadget-Blogs wie engadget German oder Gizmodo, die sich darauf spezialisiert haben, möglichst viele technische Gerätschaften vorzustellen, ohne bei der Berichterstattung jedoch ausreichend in die Tiefe zu gehen oder dem Leser weiterführende sowie originelle Informationen mitzugeben. Das gleiche gilt für ifun/iPhone, da sich der Blog größtenteils mit der Vorstellung von Apps beschäftigt, aber auch hier nicht genügend zusätzliche Informationen bereitstellt, um als professionell journalistisch zu gelten. Auch mangelt es hier teilweise an der Aktualität. GoogleWatchBlog und Macerkopf berichten ebenfalls zu einseitig über sich stetig wiederholende Ereignisse aus zu eng gefassten Themengebieten. Auch sind die Nachrichten hier nicht ausreichend und weitsichtig genug aufbereitet. Interessant ist daher die Diskrepanz zu den thematisch ähnlich angesiedelten macnews.de, die aber weitaus mehr Punkte erzielt haben. Das liegt zum einen an der Einbettung des Themas „Apple“ in einen größeren Kontext, als es bei Macerkopf der Fall ist. Zum zweiten fehlt es dort teilweise auch an der Aktualität. Damit hat sich die Vermutung bestätigt, dass vor allem jene Technikblogs, die ihre Themen sorgfältiger und vielschichtiger aufbereiten, sowie sie in einem komplexeren Kontext verorten, aufgrund ihrer Arbeitsweise und ihrer Artikel als professionell journalistisch bezeichnet werden können.

Um die Ergebnisse in einem größeren Kontext zu deuten, muss erneut auf das Selbstverständnis der Blogosphäre eingegangen werden. In einem ihrer Teile betätigen sich professionelle Journalisten, die das Handwerk des Journalismus gelernt, sowie das Potential der Plattform erkannt haben und es aktiv nutzen. In einem anderen Teil betätigen sich Blogger, die das Handwerk nicht an einer renommierten Ausbildungsstätte gelernt haben, aber gern professionelle Journalisten wären, ihre Arbeit daher nach professionellen Qualitätskriterien ausführen und sich darüber auch als professionelle Journalisten definieren können und sollten. Auf einer wieder anderen Ebene bewegen sich jene Teilnehmer, die die Blogosphäre nach wie vor als das nutzen, was ihr Ursprung war. Als Online-Tagebuch, das man des Spaßes am Schreiben wegen führt und das einen auch zum Teil einer Gemeinschaft werden lassen soll. All diese Ansätze sind schon deswegen legitim, weil die Blogosphäre eben all diese Entfaltungsmöglichkeiten bietet und vor allem, weil es für jede Art des Bloggens auch ein Publikum gibt. Der klare Vorteil in diesem Netzwerk aus offensichtlich professionellen, subtil professionellen, unprofessionellen und bewusst amateurhaften Veröffentlichungen ist die Möglichkeit der konkurrenzlosen Koexistenz. Zusammenfassend könnte man sagen, kein Angebot existiert grundlos. Die Publika suchen sich ihren Weg.

Und wie sollte der ausgebildete Journalist, der in der Bloggerei und der Online-Plattform immer noch eine Gefahr sieht, auf die Situation reagieren? Mit Adaption. Die Online-Ableger großer Zeitungen benötigen die journalistische Qualität nicht minder als die gedruckten Versionen. Außerdem ist die Blogosphäre für den hauptberuflichen Journalisten mehr Wirt als Parasit. Nirgendwo gibt es einen annähernd großen Informationsfluss mit ähnlich hoher Aktualität. Er bedarf ordnender und selektierender Geister, die die Informationen für ein breiteres Publikum aufbereiten, als die Special-Interest-Blogs es tun. Und die angesprochene Adaption dürfte dem Journalisten noch in anderer Hinsicht leichtfallen. Ihm muss lediglich der Sprung von der inhaltlichen Qualität auf die technische Ebene gelingen. Der Blogger, der zum Journalist werden will, hat sich mit dem Sprung vom technischen Verständnis auf die inhaltliche Qualität die Messlatte etwas höher gelegt. Um es mit den Worten eines Größeren zu sagen: Der klassische Journalist, die Edelfeder, muss sich vor den Anforderungen des Internets nicht fürchten. Er muss lediglich zum „Edelblogger“ werden (vgl. Prantl 2010: 7).

Literatur:

Schröder, Jens, 2011: (ausgabe 3/2011 vom 31.03.2011), URL: http://www.deutscheblogcharts.de/archiv/2011-3.html [abgerufen am: 09.05.2011].

Weischenberg, Siegfried / Kleinsteuber, Hans J. / Pörksen, Bernhard (Hrsg.), 2005: Handbuch Journalismus und Medien, Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH, (= Praktischer Journalismus, Bd. 60).

Pöttker, Horst, 2008: Wie viel Objektivität verträgt der Journalismus? Fragwürdige Dogmatisierung von Grundsätzen, URL: http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/medien/wie_viel_objektivitaet_vertraegt_der_journalismus_1.806922.html [abgerufen am: 19.05.2011].

Prantl, Heribert, 2010: Niemand muss sich fürchten, in: Weichert, Stephan / Kramp, Leif / Jakobs, Hans-Jürgen: Wozu noch Journalismus? Wie das Internet einen Beruf verändert, Göttingen: Vandenheock & Ruprecht GmbH und Co. KG.

Kategorie: Advertiser, News, Publisher

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