Die Blogosphäre und der professionelle Journalismus – Teil 1

Eine der größten Fragen des Zeitalters der neuen Medien ist die nach der Professionalität der Blogosphäre. Der klassische Journalismus begründet seine Überlegenheit gern mit dem professionellen Stand und noch lieber klammert er sich daran, um durch die vielfältigen Informationsangebote von Blogs und Co. nicht ins Hintertreffen zu geraten. Und die Blogosphäre spielt häufig sogar mit, oft genug betont sie in ihrem Selbstverständnis nämlich die bewusste Abgrenzung zu journalistischen Normen und nimmt sich durch formale Vermischung von Nachricht und Kommentar beliebige Freiheiten heraus. Die Frage könnte daher lauten: Wollen Blogger überhaupt als Journalisten bzw. als professionell wahrgenommen werden? Besteht sowohl der Reiz als auch der Vorteil nicht viel eher in der Macht des Informellen? Hätte, könnte, würde, Selbstverständnis hin oder her, die Frage muss lauten: Ist es wissenschaftlich rechtens, Blogger als professionelle Journalisten zu bezeichnen? Der Suche nach der Antwort möchten wir uns in einer kleinen, dreiteiligen Serie widmen. Den Anfang heute stellt die Einleitung und wissenschaftliche Fundierung. Der Mittelteil in genau einer Woche wird sich mit den unterschiedlichen Typen von Blogs und der Selektion des Untersuchungsmaterials beschäftigen. Den Schlusspunkt in genau zwei Wochen stellen die Untersuchungsergebnisse und ihre Auswertung dar.

Lassen Sie uns also zunächst der Frage zuwenden, was denn professioneller Journalismus überhaupt ist. Die Wissenschaft weiß, je nach Ansatz, viele Antworten zu geben. Auf drei davon möchten wir näher eingehen.

Die Kriterien Pürers

Die Unterscheidung richtet sich dabei nach der Betrachtungsweise, die sich sowohl nach Funktionsweisen und Aufgaben in der Gesellschaft als auch nach Strukturen und der Betrachtung von Qualitätskriterien der Erzeugnisse gliedern. Den Anfang macht bei uns Heinz Pürer, der sich auf die öffentlichen Aufgaben des Systems Journalismus in einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft bezieht. Im Vergleich mit späterer Literatur anderer Autoren erfasst Pürer die grundlegendsten Punkte.

1. Herstellen von Öffentlichkeit
- Gewährleistung der Transparenz politischer Entscheidungen und öffentlicher Vorgänge
- Ermöglichung der Bildung einer öffentlichen Meinung
2. Kritik und Kontrolle
- große Bedeutung als kritische Instanz gegenüber Regierungen, Verwaltung, Rechtsprechung und öffentlicher Einrichtungen
- „vierte“ Gewalt im Staat
3. Integration und Sozialisation
- Widerspiegelung von Normen, Werten und Verhaltensweisen
- Erleichterung der Eingliederung in das soziale Umfeld
4. Kultur und Bildung
- Beitrag zur Vermittlung von Kunst und Kultur
- wertvoller Beitrag zur Weiterbildung
5. Unterhaltung
- für den Rezipienten eines der wichtigsten Motive des Medienkonsums
- Nutzung zur Entspannung, Entlastung sowie als Mittel kreativer Freizeitgestaltung

(vgl. Pürer 1998: 76f.)

Die Kriterien Ruß-Mohls

Stephan Ruß-Mohl, seines Zeichens Medienwissenschaftler, spinnt in „Journalismus: Das Hand- und Lehrbuch“ den Ansatz Pürers weiter. Er bezieht sich ebenfalls auf die gesellschaftlichen Funktionen der Institution Journalismus, schmückt einige Aspekte aber dezidierter aus.

1. Information
- Bereitstellung von Nachrichten und Hintergrundinformationen
- Bieten von Entscheidungshilfen für den Alltag als Marktteilnehmer und Staatsbürger
2. Artikulation
- Veröffentlichung von relevanten Sachverhalten und Problemen
- Medien als gesellschaftliches Frühwarnsystem
3. Agenda Setting
- Fokussierung der öffentlichen Aufmerksamkeit auf einige wenige Themen und Ereignisse
- Einflüsse auf die Tagesordnung des öffentlichen Lebens, auch auf den politischen Fokus
4. Kritik und Kontrolle
- investigative Recherche zur Aufdeckung unbequemer Wahrheiten
- obwohl nichtstaatlich: „vierte“ Gewalt im Staat
- „Unruheherd“ und Wachhund
- Ebenso Gefahr des Machtmissbrauchs sowie Medialisierung und Selbstreferentialität
5. Unterhaltung
- journalistische Aufgabe oder Nebeneffekt gelungener Arbeit?
- als stetiger Begleiter im Alltag bieten wünschenswerter Zerstreuung und Ablenkung
6. Bildung
- Erwerb eines beträchtlichen Teils der Allgemeinbildung durch Massenmedien
- Vermittlung positiven „Halb-Wissens“ für den täglichen Diskurs
7. Sozialisation, „Führung“
- Vermittlung von Wertmaßstäben und Verhaltensnormen
- großer medialer Einfluss auf unsere Ansichten und Verhaltensweisen
- Leit- und Führungsfunktion in der Demokratie
8. Integration
- Brückenbau zwischen den Lebenswelten
- Vermittlung in einer multiethnischen Gesellschaft
- Integration auch durch Vorgabe der Tagesthemen („mitreden können“)

(vgl. Ruß-Mohl 2010: 17f.)

Die Kriterien Weischenbergs / Kleinsteubers / Pörksens

Eine ganz andere Herangehensweise an die Definitionsproblematik wählten die Kollegen um Siegfried Weischenberg. Sie stellten nicht die Frage nach der Funktion von Journalismus sondern nach den Merkmalen qualitativer journalistischer Erzeugnisse. Wie müssen Artikel geschrieben sein, damit sie der Rezipient zu Recht als professionell wahrnimmt? Bei ihren Antworten beziehen sie sich vor allem auf die Einschätzung und das Selbstverständnis hauptberuflicher Journalisten.

1. Aktualität
- zeitliche Nähe zum Geschehen
2. Relevanz
- Bedeutung, „Gewicht“ des Geschehens/Themas für die Publika
3. Objektivität/Vielfalt
- Faktentreue
- Trennung von Nachricht und Meinung
- Vielfalt der Blickwinkel
- Fairness/Ausgewogenheit
- Hintergrund
4. Originalität
- Leseanreiz
- Exklusivität/Anteil an Eigenrecherche
5. Komplexitäts-Reduktion
- verständliche Sprache
- angemessene Vereinfachung
- Faktentreue
- erforderliche Kontextinformationen
6. Interaktivität
- Rückkopplung/Austausch mit den Publika
7. Transparenz
- Offenlegen der Berichterstattungsbedingungen
- Quellenkritik
- Einblick in den Medienbetrieb und in die eigene Redaktion

(vgl. Weischenberg / Kleinsteuber / Pörksen 2005: 374)

Damit ist die wissenschaftliche Grundlage zusammengetragen. Wie müsste eine Untersuchung nach den ersten beiden Kriterien nun aussehen? In einem Wort: kompliziert. Es ist natürlich möglich, die Kriterien hinsichtlich einer inhaltsanalytischen Untersuchung zu operationalisieren, allzu sinnvoll wäre diese Vorgehensweise allerdings nicht, da die Kataloge den Fokus zu sehr auf die Einflüsse des Journalismus auf die Gesellschaft legen und die Auswirkungen daher auch anhand einer Befragung eruiert werden sollten. Die Aspekte der inhaltlichen Qualität lassen sich jedoch inhaltsanalytisch ziemlich einfach erfassen und daher wird der Katalog Weischenberg / Kleinsteuber / Pörksen als Grundlage der Untersuchung dienen. Nächste Woche heißt es dann also: Welche Arten von Blogs gibt es in Deutschland, wie erfasst man Meinungsführerschaft und wer schafft den Sprung in die Untersuchung? Bleiben Sie dabei!

Literatur:

Pürer, Heinz, 1998: Einführung in die Publizistikwissenschaft. Systematik, Fragestellungen, Theorieansätze, Forschungstechniken, 6. Aufl., Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH, (= Uni-Papers, Bd. 1).

Ruß-Mohl, Stephan, 2010: Journalismus. Das Lehr- und Handbuch, Frankfurt am Main: Frankfurter Allgemeine Buch.

Weischenberg, Siegfried / Kleinsteuber, Hans J. / Pörksen, Bernhard (Hrsg.), 2005: Handbuch Journalismus und Medien, Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH, (= Praktischer Journalismus, Bd. 60).

Kategorie: Advertiser, News, Publisher

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